BaZ-Chef Marcel Rohr degradiert – Nina Jecker übernimmt
Das Medienhaus Tamedia informiert über einen Wechsel bei der Basler Zeitung. Und die nächste Entlassungswelle.
Wie lange noch? Medienschaffende aus der Region Basel fragen sich seit Jahren, bis wann sich der Chefredaktor der Basler Zeitung, Marcel Rohr, in dieser Funktion noch halten könne. Trotz mehrerer journalistischer Fehlleistungen und Kritik aus der eigenen Redaktion stand Tamedia hinter ihm.
Bis jetzt.
Am Dienstag informiert das Medienhaus, das zur TX Group gehört und den Tages-Anzeiger, die BaZ und weitere Zeitungen herausgibt, dass Rohrs bisherige Stellvertreterin Nina Jecker den Chefposten am 1. Februar übernehmen wird. Der 59-jährige Fricktaler bleibt aber am Aeschenplatz – als «Senior Editor» in den Ressorts Lokales und Sport (mit Schwerpunkt Fussball). Ausserdem soll er sich bei «Spezialprojekten» einbringen.
Wie OnlineReports weiss, wird der bisherige stellvertretende Ressortleiter Region, Oliver Sterchi, Jeckers Vize. Seine Beförderung wurde am Dienstag redaktionsintern kommuniziert.
Neuorganisation kostet bis zu 30 Stellen
Gleichzeitig mit dem Wechsel bei der BaZ gibt Tamedia bekannt, dass innerhalb des Zeitungsverbunds 25 bis 30 Vollzeitstellen abgebaut werden. Dies vor dem Hintergrund einer Neuorganisation. In den vergangenen Jahren hat der Konzern bereits Hunderte Stellen weggespart. Ende 2025 wurde die Printausgabe der Pendlerzeitung 20 Minuten eingestellt und unter anderem das Regionalbüro Basel am Aeschenplatz aufs Minimum reduziert. Jetzt arbeiten noch zwei Personen hier, eine davon ist Praktikantin.
Per 1. März sollen nun das Print- und das Digitalgeschäft organisatorisch getrennt werden, sprich die Online-Auftritte und die gedruckten Zeitungen. Damit will Tamedia das Digitalgeschäft «massiv vorantreiben». Dadurch werden die Printausgaben – schon heute als «Abfallprodukt der Online-Inhalte» verschrien – womöglich weiter an Bedeutung verlieren.
Dass «die neuen Möglichkeiten der technologischen Entwicklung und der Künstlichen Intelligenz» unternehmensweit eingesetzt werden sollen, lässt zumindest einen Zusammenhang mit dem Abbau erahnen. Die neue KI-Einheit solle «wesentlich zur Weiterentwicklung von Produkten, zur Steigerung von Effizienz und Produktivität in Prozessen und der Organisation beitragen», schreibt Tamedia. Für die betroffenen Mitarbeitenden werde ein Sozialplan erarbeitet.
Jecker arbeitete «Fall Nathalie» auf
Die Neuausrichtung dürfte neben Rohrs Defiziten auch der Grund sein, weshalb Tamedia auf Nina Jecker als neue Chefredaktorin der Basler Zeitung setzt. Das Unternehmen lobt die 45-Jährige unter anderem für ihre Erfahrung in digitalen Formaten und für ihre KI-Expertise.
Jecker ist seit vielen Jahren in verschiedenen journalistischen Funktionen bei Tamedia tätig. Sie stieg bei 20 Minuten ein und wechselte noch unter Markus Somm, dem aktuellen Verleger und Chefredaktor des Nebelspalters, als Redaktorin zur Basler Zeitung. Später leitete sie das Ressort Basel-Stadt, bis sie unter Rohr Mitglied der Chefredaktion wurde. Dort übernahm sie immer mehr die Rolle der Vermittlerin zwischen Basel und Zürich.
Bei Tamedia schätzt man Jeckers «journalistische Vielseitigkeit» und «ihr Gespür für relevante Themen». Sie geht aber auch kritisch mit journalistischen Inhalten um. Die zweifache Mutter trug etwa massgeblich dazu bei, dass die Basler Zeitung den «Fall Nathalie» aufarbeitete. Es ging dabei um Missbrauchsvorwürfe in satanistischem Rahmen gegen einen Vater aus dem Schwarzbubenland. Auch die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde geriet in Kritik, das Mädchen nicht ausreichend zu schützen. Der Vater wurde schliesslich vollumfänglich entlastet. Die Zeitung musste mehrere Beiträge löschen und entliess den Autor. Rohr, der als Chefredaktor die Verantwortung für sämtliche Publikationen trug, entschuldigte sich später öffentlich für die «unrühmliche Rolle» der Basler Zeitung in diesem Fall.
«Metaphern-Marcel»
Der letzte grosse Fehlgriff des abtretenden Chefredaktors war ein Leitartikel über Ausländer in Basel mit einer pauschalisierenden und diskriminierenden Note. Rohr verwendet oft und teils falsche sprachliche Bilder, sodass ihm der schweizweit bekannte Kabarettist Gabriel Vetter den Übernamen «Metaphern-Marcel» verpasste. Rohr schrieb etwa, das geplante und letztlich vom Stimmvolk verworfene Ozeanium wäre «Botox für Basel». Und – trotz Nervengift – würde das neue Haus des Basler Zollis für Meeresbiologen und Forscher zum «Silicon Valley der Schildkröten, Rochen und Quallen». Das 100-Millionen-Projekt sei «ein Blockbuster aus einer kreativen Denkwerkstatt, das alleine schon deshalb einen Nobelpreis verdient hätte, weil es Mut, Lebensfreude und Visionen verbindet».
Rohr übernahm die BaZ-Chefredaktion mit dem Eigentümerwechsel von Christoph Blocher zu Tamedia 2018/2019. Er hatte wegen seiner fehlenden Expertise von Beginn weg einen schweren Stand in der Redaktion. Dies hielt ihn aber nicht davon ab, regelmässig das politische Geschehen zu kommentieren. Hingegen attestieren ihm die Mitarbeitenden, die BaZ als Aussenstelle des Tamedia-Zeitungsverbunds gegenüber dem Hauptsitz Zürich zu verteidigen und zu schützen. Auch scheint die Entwicklung der finanziellen und redaktionellen Kennzahlen gestimmt zu haben.
Mehr Politik in der Chefredaktion?
In den vergangenen sieben Jahren waren vor allem die Polit-Redaktorinnen und -Redaktoren für relevante politische Themen verantwortlich (Katrin Hauser, Oliver Sterchi, Benjamin Wirth, Alexander Müller). Nina Jeckers Fokus lag hauptsächlich im gesellschaftlichen Bereich. Sie äusserte sich aber auch fundiert zu Politischem, etwa in Leitartikeln oder bei öffentlichen Auftritten. Mit Oliver Sterchi stösst zudem ein ausgewiesener Polit-Journalist zur Chefredaktion.
Der künftige «Senior Editor» Rohr begann seine journalistische Karriere bei der früheren Basler Wochenzeitung Doppelstab. Er wurde Sportchef beim Blick und später Sportchef der BaZ, für die er seit 2005 arbeitet.
Mit der neuen Funktion kehrt Rohr zu seinen Wurzeln zurück.
Weiterführende Links:
- Kolumne: «Achtung: Satire!»: BaZ-Chef Marcel Rohr – ein klein wenig gesunder Rassismus im Alltag
- Glosse: Ich liebe nun einmal das Papier
- Nachruf auf Mathis Lüdin: «Wir profitieren täglich von seinem Wirken»
- Jürg Gohl: «Journalisten haben auch einen politischen Auftrag»
- Kommentar: Zoff um Kultur-Rezension offenbart die Auswüchse der Medienkrise
- 20 Minuten: Das Regionalbüro Basel am Aeschenplatz wird aufgelöst
Transparenz: Die Mitglieder der OnlineReports-Chefredaktion, Alessandra Paone und Jan Amsler, arbeiteten früher bei Tamedia.