Spezialfall Partei
Die Kolumnistin empfiehlt, bei Knatsch gelassen zu bleiben und dem «ganzen Zirkus» die Bedeutung beizumessen, die er hat. Nicht mehr.
Derzeit knirscht es im Gebälk von mindestens zwei Parteien, in anderen ist es gerade ruhig, auch in meiner. Das wird bei realistischer Betrachtungsweise nicht immer so sein. Keine Panik, es zeichnet sich gerade kein Skandal ab, also bitte keine Interview-Anfragen. Fakt ist: Parteien sind besonders knatschanfällig, anders als Velovereine, Autovereine, Ikebana-Clubs oder der Modelleisenbahnverein Ü60.
Natürlich kann es überall dicke Luft geben. Die «Lämpesitzige» bei den Cliquen nach der Fasnacht sind ein fester Bestandteil des Cliquen-Lebens. Du kamst zu spät zum Einstehen, ihr habt nicht bezahlt, ich musste das noch regeln, der trank mal wieder über den Durst, der Tambourmajor hat jeden zweiten Einsatz verpatzt, hat der Härdöpfel in den Ohren?! Und s Ursi verschwand mit einem Tambour der Hunnen, ausgerechnet jetzt, da wir doch zu wenig Pfeifer haben.
Man hat also Lämpesitzig, leert den Kropf, s Ursi ist einsichtig, Hampe nüchtern, und den Einsatz schaffte man auch ohne Tambourmajor, man sieht ihn eh kaum durch die Larve. Also alles wieder paletti, und nach den Bummelsonntagen ist erst mal Pause.
Nicht so bei den Parteien. Pause ist nie, nach dem Wahlkampf ist vor dem Wahlkampf, und eine Aussprache im Plenum habe ich nie erlebt. Alles geht hintenrum, man trickst sich gegenseitig aus oder schafft temporäre Allianzen, wenn man solche gerade braucht. Politikerinnen sind Alphatiere, sie brauchen Seilschaften, und diese sind sehr situativ, labil. Jeder ist der Konkurrent von jedem, jedenfalls bei den aktiven oder ambitionierten Parteimitgliedern. Gerade auch innerhalb einer Partei, und zwar in jeder.
Mir ging es wie Mr. Bean als Geheimagent Johnny English: Ich hatte «keine Furcht, keine Angst, keine Ahnung».
Ich kam sehr spät in die Politik – mit sage und schreibe 57 Jahren – und wurde gleich Mitglied der Parteileitung der damaligen CVP Basel-Stadt. Zwei Jahre später musste ich bereits das Präsidium übernehmen. Mir ging es wie Mr. Bean als Geheimagent Johnny English: Ich hatte «keine Furcht, keine Angst, keine Ahnung». Und sofort Wahlkampf ohne Ende, drei Jahre lang. Als das überstanden war, kam Balz Herter und ich war erstmal erleichtert. Denn während dieser Zeit hatte ich zwar Erfolge, aber auch mehr als genug Knatsch. Und null Ambitionen.
Gut so, denn als Parteipräsidentin hat man nicht eigene Interessen zu verfolgen, sondern diejenigen der Partei. Auf die Wahlzettel müssen die geeignetsten Kandidatinnen, und das ist häufig nicht der Präsident. Gerhard Pfister – ich bleibe bei der Mitte, andere Parteien kommentiere ich nicht – machte es nach dem Abgang von Viola Amherd vor. Nur wer die Bürde eines Präsidiums nicht hat, kann ungebremst agieren, manipulieren, taktieren und sich in Szene setzen. Ein Spagat, denn ein Parteipräsidium ist auch dazu geeignet, einen Kandidaten, eine Kandidatin zu positionieren. Das darf aber nicht dazu führen, dass bessere Kandidatinnen ausgebremst werden. Aber lassen wir das.
Die gerade im Kreuzfeuer stehenden Parteien befinden sich also im Courant normal. Es gehört schon fast zum Vereinszweck einer Partei, sich zu fetzen. Was dabei nach aussen getragen wird, ob die Medien eingeschaltet werden sollen oder nicht, ist auch Teil des Spiels. Was will ich erreichen? Wie erreiche ich es? Bloss aus Wut gegen die eigene Partei an die Öffentlichkeit zu gehen, ist ein schlechter Ansatz, der dann zum Eigentor wird, wenn bloss persönliche Ansichten publik werden. Es kann aber auch hilfreich sein, nämlich dann, wenn Missstände entlarvt werden, die die Partei so aufarbeiten und dazu Stellung nehmen kann.
Deshalb knatscht es also in Parteien mehr als im Küngelizüchterverein. Als Politikerin heisst es dabei, gelassen zu bleiben und dem ganzen Zirkus die Bedeutung beizumessen, die er hat. Nicht mehr.
Es soll übrigens nicht verboten sein, über sich selbst zu lachen, auch nicht als Politikerin. Vor allem nicht als Politikerin. Wen interessiert schon, wenn s Ursi mit einem Tambour der Hunnen und so. Aber wenn die pointierte SP-Co-Chefin (die frühere) mit dem Mitte-Präsidenten (dem früheren) und so, dann geht die Gerüchteküche los. Aber sowas von.
Eigentlich ein gutes Mittel, um sich für die nächsten Wahlen in Position zu bringen. Ich werde mir dazu ein paar Überlegungen machen. Vorschläge sind willkommen.