Seichte Themen
Als Andrea Strahm Anfang 20 war, dachte man nicht in Mann-Frau-Mustern. Es galt: «Make love, not war.» Heute stellt die Basler Mitte-Grossrätin und Kolumnistin zunehmend eine Kluft zwischen jungen Frauen und Männern fest.
Ferien, Fasnacht, die richtige Zeit für eine seichte Kolumne. Also las ich im Tages-Anzeiger den Text «33 Gründe, keine Männer zu daten». Eigentlich genügt ein Grund, dachte ich naiv, nämlich jener, dass man lieber Frauen datet. Wenn Frau lieber Frauen liebt, dann braucht es keine 33 Gründe. Ich kombinierte knallscharf, dass die Autorin hetero sein muss, um derart viele Gründe aufzulisten. Besser gesagt: Ausreden. Denn eigentlich müsste eine Hetero-Frau doch Männer mögen.
Damit bewegen wir uns nun doch vom seichten ins hüfthohe Wasser. Wo Rauch ist, ist stets auch ein Feuerchen, ein wahrer Kern. 33 Gründe also, Single zu bleiben, und diese lassen tief blicken. Die grosse Mehrheit dieser Gründe deutet auf mangelndes Selbstvertrauen der Dame: die Angst davor, verlassen zu werden, die Angst vor Fremdbestimmung, weil der Mann entscheidet, wo und was gegessen wird, welche Filme geschaut werden, wie tief die Raumtemperatur zu sein hat. Dann lässt er ihr nicht genügend Zeit im Badezimmer und nimmt im Bett zu viel Platz ein, ist zu eifersüchtig, weckt sie zu früh, vergisst ihren Geburtstag, will von ihr bemuttert werden. Alles Lächerlichkeiten, die keine Frau mitmachen muss. Alles nur Spass? Auch der klar sexistische Punkt «Du musst keine Körperausdünstungen ertragen, die nicht von dir stammen»? Männer stinken, nice.
Es bleibt ein sehr schaler Geschmack über dieses primitive Denken in Mann-Frau-Mustern. Wir haben derzeit, jedenfalls gewinne ich zunehmend diesen Eindruck, eine Entfremdung zwischen jungen Männern und Frauen. Es gibt die Gruppe unfreiwilliger Single-Männer, Incel («involuntary celibate») genannt, die eine Wut gegen Frauen kultivieren, weil ihnen ihrer Ansicht nach von Natur aus eine Frau zustehen würde. Und auf der Gegenseite diese Gruppen von angestrichenen Cüpli-Frauen mit echten oder Pseudo-Prada-Taschen, die das Singleleben hochleben lassen und über Männer spotten, mit ihnen Spielchen spielen. Natürlich folgt da die Retourkutsche der Kerle, was sonst. Da findet eine Polarisierung statt, die ungut ist.
Wichtig war nur die Persönlichkeit eines Menschen, nicht sein Geschlecht. Manche Frauen wollten studieren, und manche Männer strickten, zogen Röcke an.
Als ich Anfang 20 war, wehrten wir uns gegen genau diese Kategorisierungen, gegen dieses «Frauen sind so, Männer sind so». Wir hatten alle, Männer wie Frauen, ähnliche Frisuren, meist Wallemähnen oder Dauerwellen, wir Frauen schminkten uns kaum, Haare sprossen (fast) überall, Büstenhalter waren eine Erfindung der Steinzeit. Männer wie Frauen trugen Schlaghosen, bauchfreie Plüschpullis, Plateausohlen und stinkende Ziegenfellmäntel. Wichtig war nur die Persönlichkeit eines Menschen, nicht sein Geschlecht. Manche Frauen wollten studieren, und manche Männer strickten, zogen Röcke an. Individualität statt Schubladen. Wir liessen aber auch die Vorstellung zu, dass möglicherweise stets mehr Frauen den Haushalt und mehr Männer Karriere machen wollten. Freiheit über alles, auch die Freiheit, den tradierten Rollen eben zu entsprechen. Wir dachten, das würde für immer so bleiben. Wir irrten uns.
Das Pendel schlägt zurück. Diese Mann-Frau-Trennung ist nicht neu. An Anlässen meiner Eltern sassen die Männer zusammen, regelten die Weltprobleme und rauchten Zigarren. Die Frauen sassen woanders, rauchten Zigaretten und tauschten Kochrezepte. Die Frau war Hausfrau, gebar Kinder, und wenn sie Pech hatte, musste sie auch noch etwas verdienen. Er brachte das Geld nach Hause und machte im Haushalt nichts. Oberstes Gebot jedes Menschen ab zwanzig Jahren war es, eine Person des anderen Geschlechts zwecks Heirat zu finden. Man hatte panische Angst davor, ein ewiger Junggeselle oder eine alte Jungfer zu bleiben. Es gab also diese strikte Trennung, aber es gab keine Feindseligkeiten, keine Fronten.
Heute steuern wir wieder auf die strikte Trennung zu, aber mit feindseligen Fronten. Diese Schande, keinen Mann abzukriegen, entfällt heutzutage. Ob die Schande, keine Frau zu finden, ebenfalls verschwunden ist, frage ich mich allerdings. Die Gruppe der Incel lässt etwas anderes vermuten.
Fakt ist: Auf beiden Seiten ziehen sich Mauern hoch. Das ist gefährlich, denn da baut sich ein Aggressionspotenzial auf. Solch seichte Kolumnen mit 33 Gründen, keinen Mann zu daten, sind deshalb vor allem eins: «Another brick in the wall». Anstatt «Make love, not war» gilt heute ganz offensichtlich «Make war, not love».