Kolumne: «Aus meiner Bubble»

«Geschlechterpolarisierung»: Logisch gibt es eine Skepsis gegenüber Männern

Der Kolumnist stört sich daran, jungen Frauen eine Mitschuld am Geschlechtergraben zu geben.

Protest gegen Gewalt an Frauen
Nicht dein Spielzeug: Protest gegen Gewalt an Frauen. (Foto: ZVG)

In den vergangenen zwei Jahren erregten mehrere Studien Aufsehen, die zeigen, dass die politischen Haltungen in den jüngeren Generationen abhängig vom Geschlecht auseinanderdriften. Junge Frauen seien «woker» als junge Männer, diese würden dafür zunehmend rechts. Die Unterschiede zeigen sich demnach am deutlichsten bei Gleichstellungsthemen und den Einstellungen gegenüber marginalisierten Gruppen.

In diesem Kontext lese ich auch die bei OnlineReports erschienene Kolumne «Seichte Themen» von Andrea Strahm. Die Basler Mitte-Politikerin sieht in den jüngeren Generationen eine zunehmende Kluft und «feindselige Fronten» zwischen Männern und Frauen. Sie kritisiert diese Polarisierung, gerade weil bei ihrer Generation in diesem Alter das Geschlecht als Kategorie nicht wichtig gewesen sei. Für mich der Knackpunkt: Zu dieser Polarisierung würden beide Seiten ihren Teil beitragen, schreibt Strahm.

Ich möchte dieses Thema aufgreifen, weil es grundlegende Fragen in meiner Generation betrifft. Eine zunehmende Polarisierung zu beklagen, ist in aktuellen Debatten ein wiederkehrendes Muster: zwischen Alt und Jung, Links und Rechts, oder zwischen Geschlechtern. Die Kritik einer Polarisierung, die gleichermassen von jungen Männern und Frauen befeuert werde, dreht den Zusammenhang von Ursache und Wirkung jedoch um und klammert einen entscheidenden Aspekt aus: Gewalt, die von Männern ausgeübt wird.

Statt bei jungen Frauen nach einer Teilschuld zu suchen, wäre es hilfreicher, die tatsächlich besorgniserregende Situation zu benennen.

So wie ich es unter jungen Menschen und in meinem Umfeld wahrnehme, herrscht tatsächlich eine grundlegende Skepsis gegenüber cis Männern*: in Beziehungen, Freundschaften, der Arbeitswelt. Und das völlig zu Recht, wenn man betrachtet, von wem problematisches Verhalten und Gewalt ausgeht. Diese reicht von alltäglichen sexistischen Bemerkungen bis hin zum Femizid, der tödlichen Gewalt gegen Frauen aufgrund ihres Geschlechts.

Genau dies wird ausgeblendet, wenn Frauen, die zweifeln, ob sie überhaupt noch Männer daten sollen, als Auslöserinnen einer neuen Kluft dargestellt werden. Gefährlich wird das, weil sogenannte Incels und ihre Fantasien männlicher Vorherrschaft in der Konsequenz als logische Gegenreaktion auf diese Skepsis erscheinen und dadurch legitimiert werden.

Statt sich über Geschlechtergräben zu sorgen und bei jungen Frauen nach einer Teilschuld dafür zu suchen, wäre es hilfreicher, die tatsächlich besorgniserregende Situation zu benennen. Wir müssten uns fragen, wie es sein kann, dass in jüngeren Generationen so viele Jungen und Männer immer rechtere Einstellungen haben und auf gewaltvollen Männlichkeitsvorstellungen beharren.

*Als cis Mann wird ein Mann bezeichnet, der sich mit dem bei Geburt zugewiesenen männlichen Geschlecht identifiziert.

Kolumne: «Aus meiner Bubble»

Kommentare

Peter Waldner
02. März 2026 um 12:05

Da wird ja viel vermischt, was nicht zusammengehört. Für mich war im Artikel von Andrea Strahm der Kernsatz: «Das Pendel schlägt zurück.»

Auch Andrea Strahm hat nur einen Teil dessen persönlich miterlebt, was im Verhältnis zwischen Mann und Frau geändert hat – ich noch etwas mehr, aber meine Eltern noch sehr viel mehr. Als ich zur Schule ging, hatten wir im Sport mit ca. 12 Jahren schon «militärische Früherziehung» – eigentlich Zugschule. Natürlich waren im ganzen Schulhaus nur Buben. Die Mädchen hatten eigene Schulhäuser. Buben hatten «Werken» und Mädchen lernten «Haushalt» (und Familie). Mit 18 (2 Jahre vor der Volljährigkeit) gingen Buben ins Militär, die Mädchen ins Haushaltjahr im Welschland (ganz zaghaft begannen damals «Au-Pair», also Haushalt in England anstatt Welschschweiz). Also – der «geschlechtliche» Lebensweg war vorgespurt. Das hat sich in den 70ern ganz grundlegend geändert. Das «Pendel» hat (zu?) weit ausgeschlagen – und jetzt (meint Andrea Strahm) schlägt es zurück. Ganz sicher nicht in die 40er/50er – aber es will sich einmitten. Weil – und das scheint mir eindeutig: Zufrieden sind sehr viele junge Leute mit Leben und Partnerschaft nicht. Vermutlich, weil sie sich (eigensinnig) nicht einigen können, wie das gemeinsame Leben erfolgen soll. (Kann es sein, dass die verflixte Natur sich immer einmischt?)

Besonders interessant ist (nicht zuletzt) der Satz «grundlegende Skepsis gegenüber cis Männern». Ei der Daus – der grundsätzlich natürliche Mann ist doch «cis»; oder hat «trans» inzwischen das Mehrheitsruder übernommen? Mir scheint, dass nach wie vor die meisten jungen Frauen eher auf cis Männer stehen, mit allen Vor- und Nachteilen – oder täusche ich mich da?

Tatsache ist: Toleranz ist wichtig und nötig; soll jeder sein, wie er sich fühlt. Dann aber halte ich es mit Albert Einstein: «Es gibt viele Wege zum Glück. Einer davon ist aufhören zu jammern.»