Kolumne: «Schinzel Pommes»

Von Würsten und von der Freiheit

Der Kolumnist nimmt die Aktion von Sanija Ameti zum Anlass, sich Gedanken über Rebellion und Freiheit zu machen.

Würste für die Freiheit, Aktion Sanija Ameti, Zürich
Installation von Sanija Ameti beim Zürcher Kunsthaus. (Foto: ZVG)

Sanija Ameti … nicht schon wieder! Nein, ich fange weder bei Adam und Eva noch bei Maria und dem Jesuskind an. Es reicht ein Streiflicht auf den vorläufigen Schluss der Geschichte am Heimplatz beim Zürcher Kunsthaus. An diesem in Betongrau getauchten Ort fanden die Medienschaffenden am verregneten 28. Januar – kurz nachdem das Bezirksgericht Zürich Frau Ameti wegen Störung der Glaubensfreiheit zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt hatte – einen leeren Stuhl mit einer «Rede» in einem Plastikmäppchen und daneben am Boden einen Teller mit vier bleichen Bratwürsten. «Würste für die Freiheit», stand auf einem Schild.

Im Text verkündete Sanija Ameti reichlich pathetisch ihren Rückzug aus der Öffentlichkeit. Die öffentliche Figur, die sich selbst verleugnet habe, müsse «sterben». Die Würste im Teller, so stellte sich heraus, waren eine Referenz auf das sogenannte «Zürcher Wurstessen». Am 9. März 1522, als mit dem Grossmünsterpfarrer Huldrych Zwingli die reformatorische Bewegung in Zürich stark aufgekommen war, durchbrachen Priester und Angehörige des gehobenen Bürgertums im Haus des Buchdruckers Christoph Froschauer das vorösterliche Fastengebot, indem sie Würste verspeisten. Zwingli war anwesend, ass aber nicht mit. Für diesen offenen Regelbruch mussten sich Froschauer und andere aus der Tafelrunde vor der Zürcher Obrigkeit verantworten.

Nach hitzigen Monaten, in denen sich Befürworter und Gegner des Fastengebots heftig stritten und sogar verprügelten, und nach einer grundlegenden Predigt Zwinglis, in der er das Fasten der freien Willensentscheidung mündiger Menschen anheimstellte, setzte sich die reformatorische Auffassung durch. Die Obrigkeit sollte nichts vorschreiben, was sich nicht klar aus der Bibel ergibt. Das war zwar keine Durchbrechung der religiös fundierten staatlichen Ordnung, aber doch eine Emanzipation gegenüber einer kirchlichen Hierarchie, die selbständiges Denken nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung der eigenen Autorität betrachtete.

Freiheit ist nie perfekt und immer in Bewegung.

Anders als Ametis Würste, die kalt und nass neben einem leeren Stuhl lagen, war Froschauers Wurstessen ein rebellischer, gesellschaftlicher Akt. Sein Tisch war gedeckt für alle, die sich für mehr Freiheit einsetzen wollten. Ich weiss nicht, ob sich das verallgemeinern lässt, aber für mich hat der Einsatz für die Freiheit auch etwas Sinnliches. Verkopfte Thesen und Konzepte, hehre Prinzipien sind statisch und berühren uns nicht. Freiheit ist einladend, aufbauend, ansteckend. Freiheit ist nie perfekt und immer in Bewegung.

Ausdruck von Freiheit ist die Zuversicht, auch unter schlimmsten Umständen den Glauben an das Gute in den Menschen nicht zu verlieren. Die deutsche Widerstandskämpferin Sophie Scholl, die die Nazis am 22. Februar 1943 mit nicht einmal 22 Jahren ermordeten, soll kurz vor ihrer Hinrichtung gesagt haben: «Die Sonne scheint noch.»

Die schlichten Worte der damaligen Studentin sind ergreifend. So aussichtslos das Unterfangen der «Weissen Rose» erscheinen mochte, das waffenstarrende Terrorregime mit Flugblättern auszuhebeln, so ermutigend ist diese Botschaft. Sie öffnete auch denen einen Weg, die sich in ein scheinbar unabwendbares Schicksal fügten: aus verständlicher Angst vielleicht, aus Bequemlichkeit, Abgestumpftheit oder weil sie totalitärer Propaganda, die die Sehnsucht nach Freiheit als verräterische Nestbeschmutzung brandmarkte, verfielen.

Der Freiheit näher kommt, so glaube ich, wer sich im Bewusstsein der eigenen Unvollkommenheit auf andere einlässt und auch einmal einen Umweg geht, um neue Perspektiven zu prüfen. Instagram und TikTok können dann wegbleiben. Es braucht sie nicht am Tisch derjenigen, die etwas in Gang bringen wollen, ob sie nun Würste essen oder etwas anderes.

Kolumne: «Schinzel Pommes»

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