Trotz alledem
Angesichts der dramatischen Newslage seit Neujahr verzichtet die Kolumnistin auf eine typische Kolumne – und erinnert stattdessen an ein Zitat von Rosa Luxemburg.
Ich habe entschieden, dieses Mal keine Kolumne zu schreiben.
Dieses Jahr hat mit einer Katastrophe nach der anderen begonnen. Alle Themen, die ich mir für meine Kolumne überlegt habe, wirken dagegen belanglos. Ich könnte natürlich über meine Gefühle schreiben, über meine Bestürzung, meine Traurigkeit. Aber ich denke, Sie wissen selbst genau, wie es sich anfühlt. Und ob ich wirklich die passenden Worte finden würde?
Kaum hatte man diese Katastrophe in Crans-Montana überhaupt einigermassen begriffen, zettelte auch noch dieser imperialistische, neofaschistische Oligarch und Tyrann Trump einen Krieg an. Auch hier traue ich mir nicht zu, Analysen oder Perspektiven beizusteuern, die Ihnen einen echten Mehrwert liefern könnten.
Deshalb habe ich entschieden, keine Kolumne zu schreiben. Stattdessen hinterlasse ich Ihnen hier ein Zitat von Rosa Luxemburg, das ich sehr mag. Einen Satz, den sie Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Gefängnis heraus geschrieben hat – unter Bedingungen, die wir uns heute kaum vorstellen können.
Rosa Luxemburg war eine linke Intellektuelle und politische Aktivistin. Sie sass wegen ihrer Überzeugungen in Haft, wurde überwacht, isoliert und später ermordet. Ausgerechnet aus dieser Situation heraus schrieb sie:
«Sieh, dass du Mensch bleibst. Mensch sein ist von allem die Hauptsache. Und das heisst fest und klar und heiter sein, ja heiter, trotz alledem.»
Die Heiterkeit fällt mir gerade schwer. Und vielleicht geht es Ihnen ähnlich. Ich glaube, Rosa Luxemburg meinte mit Heiterkeit weder Oberflächlichkeit, Verdrängung oder künstliche Fröhlichkeit. Noch Konsum und Luxus als Ablenkung von der Realität. Sie meinte auch nicht Wegschauen oder Schönreden.
Sie meinte wohl eher eine innere Haltung. Eine Entscheidung. Trotz alledem, Mensch zu bleiben.
Heiterkeit als Widerstand gegen die Verrohung. Gegen die Abstumpfung. Gegen die Versuchung, hart zu werden, zynisch und gleichgültig.
Natürlich dürfen wir traurig sein. Trauern, mitfühlen, besorgt sein über die Weltlage. Mensch sein heisst nicht, unberührt zu bleiben. Mensch sein heisst auch, sich nicht alles nehmen zu lassen: die Fähigkeit zur Nähe, die Freude an Beziehungen, die Heiterkeit.
Vielleicht heisst das konkret, sich an kleinen Dingen festzuhalten. An einem schönen Vogel vor dem Fenster. Lustigen Gesprächen mit Kindern. Einem einfachen Znachtessen mit Menschen, die uns nahestehen. Am Tanzen in der Küche. An der kalten, klaren Luft draussen.
Solche Dinge lösen keine Katastrophen. Sie machen die Welt nicht automatisch besser. Aber sie halten uns menschlich. Trotz alledem.