Premiere am Theater Basel

Tanz mir das Lied vom Tod

Regisseur Herbert Fritsch und Dirigent Dirk Kaftan zaubern Verdis Oper «Macbeth» mit Charme und Witz auf die grosse Bühne.

Macbeth am Theater Basel
Das Geschehen ist durch Feindseligkeit, Brutalität und Intrigen geprägt. (© Foto: Ingo Höhn)

Seine Markenzeichen sind die akribisch genau choreografierten Figurenzeichnungen und die oft knallbunten Kostüme und Bühnenbilder. In seiner jüngsten Inszenierung am Theater Basel beschränkt sich der Regisseur Herbert Fritsch auf die Farben Rot, Schwarz und Weiss, mit einem gelegentlichen Schimmer von Blaugrün. Rot steht natürlich für das Blut, das in der Verdi-Oper «Macbeth» ebenso wie in der Vorlage von William Shakespeare reichlich fliesst und an den Fingern des schottischen Herrschers Macbeth und seiner blutrünstigen Lady kleben bleibt. Da hilft kein Scheuermittel.

Rot steht aber auch für die Liebe, die die beiden verbindet und auf die Regisseur Fritsch besonderen Wert legt. Für den Schauspieler, Schauspiel- und Opernregisseur, der jedes Werk von Grund auf neu denkt und gern alle Konventionen der Inszenierungsgeschichte über den Haufen wirft, ist «Macbeth» nicht nur ein mörderisches Machtspiel, sondern ein grosses, verzweifeltes Liebesdrama.

Schmetterndes Blech

Das überrascht doch einigermassen, gilt «Macbeth» doch als einer der düstersten Stoffe der Theater- und Operngeschichte. In diesem Musikdrama gibt es kaum verzehrende Kantilenen und kein Liebesduett, dafür jede Menge schmetterndes Blech im Fortissimo. Schon die Ouvertüre gibt mit ihrem satten Blechbläser-Sound einen akustischen Vorgeschmack auf das kommende Geschehen, das durch Feindseligkeit, Brutalität und Intrigen geprägt ist. Und das Sinfonieorchester Basel unter dem aus Bonn hergeholten Dirigenten Dirk Kaftan setzt hier erste Höhepunkte, denen viele weitere folgen sollen, etwa die virtuosen Trompetensoli zur Schlachtenmusik im vierten Akt.

Aber wie wird aus einer ausweglos tragischen Geschichte um einen Herrscher, der von Machtgier (und seiner Frau) getrieben ruchlos mordet, eine Komödie? Durch Überzeichnung und choreografische Einfälle, die bisweilen an Monty Python und die «Ritter der Kokosnuss» erinnern. Die Feldherren Macbeth und Banco – Letzterer sollte später zum Mordopfer des Ersteren werden – treten auf, als sässen sie auf Pferden: breitbeinig und stets auf ihre Feinde lauernd.

Pferde sieht man indes keine auf der Bühne, ebenso wenig wie die acht Könige, die dem König Macbeth im dritten Akt als Inkarnationen seiner Schuldgefühle erscheinen. Nur in den Chorbewegungen angedeutet wird der Wald von Birnam, der Macbeth und seinen Leuten im Schlussteil entgegen marschiert. Weglassen ist eben auch eine Kunst, und Herbert Fritsch beherrscht sie meisterlich.

Mordlüsterne Kindfrau

Dafür zeichnet die Regie den alten König Durham mit fast schon rührender Genauigkeit als tattrigen Greis, ein Vorläufer von Präsident Joe Biden am Ende seiner Amtszeit. Das neue Machthaberpaar ist voller Zärtlichkeit, wobei Lady Macbeth – die Drahtzieherin des Ganzen – als zierliche Kindfrau erscheint, schon weil ihre Darstellerin Heather Engbretson zwei Köpfe kleiner ist als der athletische Iain MacNeil, der den Macbeth verkörpert.

Dass er dies mit enormer sängerischer Kraft, Diktionsgenauigkeit und schauspielerischer Virtuosität tut, macht ihn zum musikalischen Hauptanziehungspunkt dieser Inszenierung. Im siegesgewissen Machtrausch wagt er es sogar, zwei Mal auf der Bühne das Rad zu schlagen, ohne in den Orchestergraben zu fallen.

Macbeth am Theater Basel
Machthaberpaar voller Zärtlichkeit: Macbeth und seine Lady. (© Foto: Ingo Höhn)

Seine Partnerin hat daneben einen schweren Stand. Zwar trippelt Frau Engbretson mit höchster Anmut barfuss über die Bühne und lässt sich von ihrem väterlichen Liebhaber wie ein kleines Kind herumtragen, aber sie entspricht mit ihrer schlanken, eher kleinen und durchaus lyrischen Stimme keineswegs den Vorstellungen Verdis, der sich für diese Partie eine «raue, hohle, erstickte Stimme» wünschte. Sie singt bezaubernd schön, aber eine neue Maria Callas ist sie bestimmt nicht.

In weiteren Partien hört man Sam Carl als schwarzbassigen Banco, Hope Nelson als gespenstische Dame der Lady Macbeth, Rolf Romei als eitlen Macduff – der, wie es schon bei Shakespeare heisst, durch Kaiserschnitt geboren wurde und daher ausserhalb der normalen Gesetzmässigkeiten steht –, und Ervin Ahmeti als Malcolm. Das ist der Sohn des ermordeten Königs, der am Ende alle Macht, auch die eigene, verfluchen wird.

Das Licht spielt mit

Vom Verfluchen verstehen auch die Hexen eine Menge, die von Chordirektor Michael Clark auf markigen Staccato-Gesang getrimmt wurden, ebenso wie ihre grimmigen männlichen Chorpartner. Das Einheitsbühnenbild, das der Regisseur selbst entworfen hat, besteht aus fünf grossen Bögen, die einmal Beengung und ein andermal Fluchtmöglichkeit bedeuten. Die hier besonders wichtige Lichtgestaltung ist das Werk von Cornelius Hunziker.

Langer, heftiger Premierenapplaus für eine Opernproduktion, die das Publikum dazu einlädt, Abschied von lieb gewonnenen Gewohnheiten mit dieser Oper zu nehmen. Dafür erhält es eine neue, durchaus unterhaltsame Sicht auf ein altes Schauerdrama.

Und noch ein Tipp: Gehen Sie nicht vor dem Schlussapplaus aus dem Zuschauerraum. Denn die Applausregie hat, wie oft bei Herbert Fritsch, ihren eigenen komödiantischen Witz.

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