Diskriminierende Entgleisung

SVP-Landrat Andi Trüssel schimpft Bundesrat Cassis einen «Tschingg mit Schweizerpass»

Der Fehltritt kommt für die Partei, die im Juni in die Regierung zurückkehren will, ungelegen. Präsident Peter Riebli bezeichnet die Äusserung als «sicher unglücklich und vielleicht beleidigend». Er will diese nun mit seinem treuen Weggefährten thematisieren.

Andi Trüssel
Überschreitet Grenzen: Andi Trüssel. (© Foto: Facebook-Profil Andi Trüssel)

Andi Trüssel ist bekannt für seinen pointiert rechtskonservativen und provokativen Stil. Beim Jubiläumsfest seiner Partei am vergangenen 1. August auf dem Oberbölchen trug der SVP-Landrat aus Frenkendorf eine rote Baseballkappe im Trump-Stil mit der Aufschrift «Make Switzerland neutral again». Auch fällt er immer wieder mit grenzwertigen Kommentaren in den Sozialen Medien auf. Über die Basler Grünen-Nationalrätin Sibel Arslan schrieb er etwa: «Eine NR aus Basel, die nicht mal kW von kWh unterscheiden kann, geschweige denn zuhören und verstehen kann. Welche Schande für Basel!»

Nun legt der Baselbieter SVP-Politiker aber noch einen drauf. Am Dienstag kommentiert er auf der Plattform LinkedIn einen kritischen Post zu Ignazio Cassis und den geplanten Vertrag mit der Europäischen Union. Trüssel schreibt über den freisinnigen Bundesrat aus dem Tessin: «Er ist und bleibt ein Tschingg mit Schweizerpass. Schweizer haben wir genug, es fehlt an Eidgenossen mit Rückgrat, Wirbelsäule hat jeder!»

Das Wort «Tschingg» stammt vermutlich vom Ausruf «cinque la mora!» ab. «Cinque» ist das italienische Wort für fünf, und «Mora» ist ein altes Finger-Zählspiel. Die Italiener brachten es in die Schweiz, als sie Ende des 19. Jahrhunderts einwanderten, um zu arbeiten. Aus «cinque la mora» ist «Tschinggelimoore» entstanden, angelehnt an das Dialektwort «Moore» für «Schwein». Die italienischen Arbeiter hatten bei einem Grossteil der Schweizer Bevölkerung keinen guten Ruf; sie wurden als ungepflegt und schmutzig betrachtet. Der Ausdruck «Tschingg» wurde zur abschätzigen Bezeichnung für Italiener.

Trüssels Hasskommentar gegen Bundesrat Ignazio Cassis auf LinkedIn
Andi Trüssels Kommentar und Paul Hofers Reaktion. (Screenshot: LinkedIn)

Ignazio Cassis ist als Sohn italienischer Einwanderer im Tessin aufgewachsen. Er besass zunächst nur die italienische Staatsbürgerschaft, liess sich später aber zusammen mit seiner Familie einbürgern. Im Jahr 2017 verzichtete er vor seiner Wahl in den Bundesrat auf seinen italienischen Pass.

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA), dem Cassis vorsteht, kommentiert «Form und Inhalt der Äusserung nicht», wie der EDA-Sprecher Michael Steiner auf Anfrage von OnlineReports schreibt. «Sie steht für sich und ihren Autor.»

«Unterste Schublade»

Der frühere Baselbieter FDP-Präsident Paul Hofer reagiert prompt auf Trüssels Äusserung: «Andi Trüssel, ich kenne Dich eigentlich als einen anständigen SVPler. Aber so redet niemand über eine andere Person, ob man die mag oder nicht. Wo bleibt da der menschliche Anstand?», schreibt er ebenfalls auf LinkedIn. Auch Thomas Tribelhorn, Co-Präsident der GLP Baselland, ist Trüssels Hasskommentar zu Cassis nicht entgangen. Einen Bundesrat rassistisch zu beleidigen, sei wohl «unterste Schublade», sagt er zu OnlineReports. Er erwarte, dass etwas dagegen unternommen werde.

Trüssel steht nach wie vor zu seinem Kommentar. «Für mich ist Tschingg kein Schimpfwort», sagt er. Er sei mit Italienern aufgewachsen, habe sogar mit Italienern die Berufslehre absolviert. «Ich bin sicher kein Rassist.» Aber vielleicht hätte er noch eine Nacht drüber schlafen sollen. Dann hätte er wohl «Italiener mit Schweizerpass» geschrieben. Den Kommentar hat Trüssel inzwischen entsprechend angepasst.

Sein Fauxpas kommt für die Baselbieter SVP jedenfalls zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die Partei will mit dem Rümlinger Landrat Matthias Liechti für die Nachfolge des zurücktretenden Grünen-Regierungsrats Isaac Reber kandidieren und damit nach der verpassten Wahl von Nationalrätin Sandra Sollberger im Jahr 2023 wieder in die Kantonsexekutive zurückkehren. Mit einem Wähleranteil von fast 23 Prozent ist der Anspruch berechtigt. Die SVP entscheidet offiziell am 23. März, wer am 14. Juni zur Ersatzwahl antritt; Liechti ist aber der einzige Kandidat, der sich fristgerecht beworben hat. Die Grünen haben bereits den Prattler Gemeinderat und früheren Parteipräsidenten Philipp Schoch nominiert.

Liechti gilt als moderat und lösungsorientiert. FDP und Mitte sehen im 45-jährigen und vierfachen Familienvater einen wählbaren Kandidaten und sind bereit, ihn zu unterstützen. Allerdings könnten solche Nebengeräusche wie Trüssels diskriminierende Äusserung oder der Faktor Sarah Regez einen negativen Einfluss auf den Wahlkampf haben. Die Politikerin aus Sissach, die vor allem mit grenzwertigen und populistischen Positionen auffällt, könnte bei einer Wahl Liechtis in den Landrat nachrücken.

Trüssel als Wahlkampfleiter?

Umso wichtiger ist also die Reaktion der Parteileitung auf Trüssels LinkedIn-Beitrag. «Soziale Medien verleiten oft zu wenig reflektierten Kommentaren. Die Äusserung ist sicher unglücklich und vielleicht auch beleidigend», sagt SVP-Präsident Peter Riebli auf Anfrage von OnlineReports. Man werde die Aussage nun mit Andi Trüssel thematisieren. Dieser zählt zu den treuen Wegbegleitern Rieblis und hat ihn im parteiinternen Richtungsstreit stark unterstützt.

Trüssel war bei der Ersatzwahl für die frühere freisinnige Bildungsdirektorin Monica Gschwind im vergangenen Herbst Wahlkampfleiter für die SVP-Kandidatin Caroline Mall. Ob er für die kommende Ersatzwahl wieder eingesetzt wird, ist offen. Der Wahlkampfleiter werde erst noch bestimmt, sagt Riebli. Dies sei in erster Linie eine persönliche Wahl des Kandidaten. «Und abgesehen davon steht Matthias Liechti zur Wahl und nicht sein Wahlkampfleiter.»

Liechti selbst schätzt Trüssel als Landrat und wegen seines «enormen Wissens», von dem auch er als sein Fraktionskollege profitiere. Aber es gebe bei der Baselbieter SVP «passendere Personen, die meine politischen Inhalte und mich als Person im Wahlkampf portieren können», sagt der designierte Regierungskandidat.

Zu Trüssels Post sagt Liechti: «Sie werden auf meinem Social-Media-Profil nie eine solche Aussage lesen. Das ist nicht mein Stil.» Es sei jedoch nicht seine Aufgabe, eine Aufsichtsfunktion in der Partei zu übernehmen. Manchmal komme es aber vor, dass er auf Leute zugehe und sie ermuntere, faktenbasiert und nicht diffamierend zu argumentieren.

Riebli kritisiert Medien

Obwohl er nicht verhindern könne, dass im Wahlkampf Verknüpfungen zu Trüssels Aussage oder zu Sarah Regez gemacht werden, hofft Liechti, dass der Fokus primär auf ihm und seinem politischen Programm liege. «Wer mich kennt, weiss, wie ich politisiere und wofür ich stehe.» Ausserdem habe sich Regez das gute Ergebnis bei einer demokratischen Wahl erarbeitet. «Sollte ich in die Regierung gewählt werden und sie für mich in den Landrat nachrücken wollen, können die Stimmberechtigten, die nicht damit einverstanden sind, dies bei den Gesamterneuerungswahlen 2027 wieder korrigieren.»

SVP-Chef Peter Riebli hat Regez trotz massiven internen Widerstands stets verteidigt und gefördert. «Diese Themen werden von den Medien gerne hochgespielt», sagt er. Regez sei die Nachrückende auf der Liste; sie könne auch aus anderen Gründen wie Wegzug, Krankheit oder Rücktritt ins Parlament einziehen. «Wo ist das Problem, wenn für einen demokratisch in den Regierungsrat gewählten Mann eine demokratisch gewählte Frau in den Landrat nachrückt?», fragt er. «Oder sollte jemand nicht Regierungsrat werden dürfen, weil Sarah Regez nachrückt? Was für ein Staats- und Demokratieverständnis ist denn das?»

Weitere Beiträge zur Ersatzwahl Isaac Reber finden Sie in unserem Dossier.

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Kommentare

Thomas Zysset
12. März 2026 um 11:54

Entwerten und verunglimpfen

Man kann von BR Cassis halten, was man will, man kann ihn gut, nicht gut oder oder was auch immer finden. Einen demokratisch gewählten, demokratisch legitimierten Bundesrat als «Tschingg mit Schweizerpass» zu beschimpfen ist aber mehr als geschmacklos. Landrat Trüssel reagiert auf negative Reaktionen mit der scheinheiligen Ausrede, «Tschingg» sei keine Beleidigung. Das macht seine Äusserung nicht weniger verwerflich, im Gegenteil. Das Wort «Tschingg» ist und bleibt eine unflätige, rassistische Bezeichnung für Menschen aus Italien. Ich habe in meiner Jungend die Überfremdungsinitiative des Basler Nationalrates Schwarzenbach hautnah miterlebt. Die sogenannte Schwarzenbachinitiative wollte den grössten Teil der Migrant*innen aus der Schweiz ausweisen. Menschen, die uns unter anderem die Autobahnen, die Bahntrassen, Spitäler und Schulhäuser gebaut und noch vieles mehr zu unserem Wohlstand beigetragen haben. Mich schaudert noch heute, welcher Verachtung, welchem Hass die «Tschingge» ausgesetzt waren. Sie wurden von Teilen der Bevölkerung systematisch geächtet und ausgegrenzt. In der Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, durften die wenigen Kinder der im Dorf lebenden Italiener*innen nicht die Regelschule besuchen. Sie wurden alle, unabhängig von ihren Fähigkeiten und ihrem Potential, in Kleinklassen, (damals Hilfsschule genannt) eingeschult und blieben dort. Wer das Wort «Tschingg» heute noch braucht, vertritt noch immer diesen unsäglichen Geist der Sechziger- und Siebziger-Jahre des letzten Jahrhunderts. Es ist nicht Zufall, dass sich ein SVP-Mitglied zu einer solchen Äusserung hinreissen liess. Er hat damit zum Ausdruck gebracht, wofür die meisten in dieser Partei stehen: Alle und alles, was nicht stramm schweizerisch sind und ist, wird beleidigt, entwertet und rassistisch verunglimpft.

Ruedi Basler
12. März 2026 um 10:07

Verniedlichung

Wer heute sowas rauslässt, entspringt einer Haltung und Gesinnung. Im Nachhinein alles schönreden passt ins gleiche. Würde ich einen SVP-Exponenten als Nazi bezeichnen, hätte ich am nächsten Tag eine Klage am Hals.

Peter Waldner
12. März 2026 um 09:34

Ungeschickt, dumm – aber kaum böse

Der Mann ist ü70, also in den 50ern/60ern aufgewachsen. Da waren wir «italienisch». Ich wurde Mitte der 60er in einem Lokal am Claraplatz vom Kellner zusammenge... – na ja – «getadelt», weil ich nicht italienisch konnte. Jeder duzte im Umgang mit Italienern jeden – und das war damals unglaublich. Unsere Welt wurde multikulti; in der noch ziemlich altmodisch verklemmten Zeit herrlich verrückt. Die italienischen «Gastarbeiter» (von denen sich zunehmend welche fest ansiedelten) waren alle Tschinggen; sie bezeichneten sich meist selbst so. Ein Schimpfwort war es im Streit – «normal» (bis liebevoll) im freundlichen Umgang. Etwa wie «Schugger» bei Polizisten. Dass nationalistische Gefühle mit «Rückgrat» überhaupt in Verbindung gebracht werden, war in der Zeit genauso unsinnig wie heute. Nach den schrecklichen Erfahrungen mit Nationalismus waren diese Gefühle zwar weit verbreitet, aber mit einiger Erkenntnis versehen, die heutzutage wieder abhanden kommen. So ist es halt, wenn die Macht des Gehirns jener des «Bauches» weicht; Denken und Wissen den Gefühlen und Emotionen unterliegen. Das aber bedeutet nicht, dass «Tschingg» wirklich böse gemeint, sondern höchstens unklug ist.

Florian Suter
Hausarzt im Ruhestand

Rückgrat?

Es ist interessant, dass Andi Trüssel RÜCKGRAT fordert («… es fehlt an Eidgenossen mit Rückgrat, Wirbelsäule hat jeder!»). ER scheint jedenfalls keines zu besitzen, sonst hätte er nicht so unsäglich peinlich reagiert und von guten Italiener-Freunden schwadroniert. Wer behauptet, das fragliche Wort sei kein Schimpfwort (und er sei sowieso kein Rassist), hat einfach gewisse grundlegende Fakten hinsichtlich Umgangsformen und politischer Klugheit nicht begriffen. Und dass sein Parteipräsident ebensowenig Grösse (von mir aus auch RÜCKGRAT …) hat und bloss davon spricht, die Sache mit seinem Parteisoldaten zu «thematisieren», stellt auch ihm ein miserables Zeugnis aus. Leider nichts Neues!

Peter Bächle
11. März 2026 um 18:00

Immer wieder fallen SVP-Exponenten durch rechtsextreme Verlautbarungen auf. Vor Wahlgängen wird diskutiert, ob eine Kandidatur unter Umständen und vielleicht doch noch halbwegs toleriert werden kann oder eben nicht. Warum nimmt man sich nicht die Parteien Deutschlands in dieser Beziehung zum Vorbild? Für sie besteht zur AfD eine «Brandmauer», und auch rechte Bürgerliche lehnen eine Zusammenarbeit mit diesen Extremisten ab. Schmerzlich mussten sie vor noch nicht einmal 100 Jahren eine unsägliche Entwicklung im eigenen Land erfahren.