Mutiger Widerstand
Die Kolumnistin stellt den weltweiten Protest gegen Gewalt und Autoritarismus ins Zentrum und fragt, was dieser für politische Entscheidungen in der Schweiz bedeutet.
Zu Beginn dachte ich, ich würde in dieser Kolumne vor allem über Lokalpolitik schreiben. Ein bisschen Meta-Analyse aus dem Stadtkanton.
Ich werde das sicher wieder tun, irgendwann. Aber im Moment fühlt sich das alles seltsam klein an.
Wie wichtig sind lokalpolitische Fragen, wenn in anderen «Demokratien» Menschen von einer Einwanderungsbehörde auf offener Strasse erschossen werden? Wie ernst kann ich die nächste Interpellation nehmen, wenn in Rojava ein Massaker stattfindet, im Iran das Internet abgeschaltet wird, um die eigenen Bürger:innen in der Dunkelheit zu ermorden, in Kiew Menschen frieren, weil ein Angriffskrieg einfach nicht enden will?
Ich weiss es gerade nicht.
Vielleicht ist das auch ein Privileg, es nicht zu wissen und die Frage auch nicht beantworten zu müssen. Andere haben nicht wirklich eine Wahl. Sie können sich nicht aussuchen, ob Politik ihnen gerade «zu viel» ist. Für sie ist klar: Sie müssen Widerstand leisten. Und dieser Widerstand hat mich in den vergangenen Wochen sehr beeindruckt.
Dieser Mut jener Menschen, die sich ICE in den Weg stellen. Die in Rojava trotz brutaler Angriffe und Gewalttaten ihre Selbstverwaltung verteidigen. Im Iran auf die Strasse gehen, im Wissen, dass ihnen Haft, Folter oder der Tod drohen. Dieser Mut beeindruckt mich. Diese Menschen wissen sehr konkret, dass es um Leben und Tod geht – und um die Frage, ob Faschismus oder Demokratie die Oberhand gewinnen.
Wer würde sich hier trauen, auf die Strasse zu gehen, wenn es tatsächlich um alles ginge?
Und dann schaue ich auf uns, hier in der Schweiz, und frage mich: Wie weit würden wir gehen? Wer würde sich hier trauen, auf die Strasse zu gehen, wenn es tatsächlich um alles ginge?
Adorno und seine Kolleg:innen der Kritischen Theorie haben sich intensiv damit auseinandergesetzt, wie der Nationalsozialismus in den 30er-Jahren so viele Menschen mitreissen konnte. Adorno würde sagen: Widerstand beginnt nicht erst auf der Strasse, sondern in uns selbst – «gegen all das, worin wir dazu tendieren mitzuspielen». Es geht um eine ehrliche Selbstanalyse. Welche autoritären Tendenzen finden sich bei mir? Welche Abwertungen von Gruppen? Wo entmenschliche ich andere?
Widerstand beginnt also dort, wo wir uns weigern, die kleine innere ICE-Behörde zu bedienen, die andere Menschen in «wertvoll» und «weniger wert» sortiert.
Widerstand sollte aber nicht beim Innenblick enden. Handeln wäre schon auch wichtig. Und jetzt kommt der Dreh dieser Kolumne:
Im besten Fall versuchen wir bereits im Kleinen, in der lokalen oder nationalen Politik, autoritären Strömungen frühzeitig zu widerstehen.
Falls Sie stimmberechtigt sind, habe ich dafür sogar einen konkreten Vorschlag. Am kommenden Abstimmungssonntag geht es nämlich um eine Demokratiefrage. Bei der Halbierungsinitiative handelt es sich um einen gezielten Angriff auf unabhängige Information. Wer die SRG halbiert, zerstört eine zentrale demokratische Infrastruktur – die einzige Institution, die allen Kantonen in vier Sprachen verlässliche Berichterstattung liefert.
In Zeiten von Desinformation und Propaganda ist das kein Sparvorschlag, sondern Sabotage an der Demokratie selbst.
Und deshalb beginnt Widerstand aktuell in der Schweiz ganz konkret: Wir gehen am 8. März an die Urnen und stimmen Nein zur Halbierungsinitiative. Im Vergleich zum Widerstand, der aktuell in den eingangs erwähnten Ländern nötig ist, ist das Pipifax. Aber nötig.