«KEINE Substantivierungen!»
Aurelio Gaggiotti zieht nach fünf Wochen Bilanz und verrät, was er in sein Notizbuch geschrieben hat.
Aurelio, du wolltest in diesem Praktikum herausfinden, ob dein langjähriger Berufswunsch den Reality-Check besteht. Und?
Aurelio Gaggiotti: Ich bin mir ehrlich gesagt nicht vollständig sicher. Die fünf Wochen am Münsterplatz haben mir wirklich sehr viel Spass gemacht, und ich habe einen enorm breiten Einblick in die verschiedenen Aufgaben eines Journalisten erhalten. Dementsprechend habe ich natürlich auch die Herausforderungen im Beruf und allgemein in der Branche erlebt. Dabei ist mir immer wieder die Diskrepanz aufgefallen zwischen dem, was ein Journalist alles können und wissen muss (und meistens auch weiss und kann), und dem verhältnismässig geringen Lohn, den er dafür bekommt (auch bei grösseren Medienunternehmen). Wer im Journalismus arbeitet, macht sich das Leben aus finanzieller Sicht irgendwie «unnötig» schwer. Denn mit den Fähigkeiten, die man erlernt, könnte man problemlos auch in besser bezahlten Jobs wie in Kommunikationsabteilungen, in Verlagen oder in der Tourismusbranche arbeiten. Im Moment tendiere ich aber sehr dazu, mir das Leben in der nächsten Zeit noch etwas schwer zu machen. Der Job macht halt einfach Spass.
Wie würdest du einem Freund den Alltag auf der Redaktion beschreiben?
Einen klassischen Alltag, wie ich ihn während meines Zivildienst-Einsatzes in einem Altersheim erlebt habe, gibt es auf der OnlineReports-Redaktion nicht wirklich. Abgesehen von der morgendlichen Pflichtlektüre der regionalen Medien in der Lesegesellschaft war der Tagesablauf selten vorgegeben – man muss immer auf das Tagesaktuelle reagieren können. Wenn ich gerade keine klassische News verfasst habe, arbeitete ich an längeren Recherchen weiter, beispielsweise zu den Gemeinderats-Ersatzwahlen im Baselbiet. Doch auch an Tagen, an denen viel los war – etwa als der Baselbieter Regierungsrats Isaac Reber seinen Rücktritt bekannt gab –, haben wir auf der Redaktion die Mittagspause praktisch immer gemeinsam verbracht. Das wusste ich sehr zu schätzen und habe besonders bei den Gesprächen am Mittagstisch einen grossen Einblick in die Branche erhalten.
Was war der Höhepunkt deines fünfwöchigen Praktikums?
Wahrscheinlich meine Geschichte zur SRG-Initiative, bei der die Haltung der Basler Wirtschaft im Fokus stand. Das war für mich der erste längere Artikel. Ich habe mehrere Tage daran gearbeitet – ob das am Thema lag oder an meiner zu Beginn eher langsamen Schreibe, sei dahingestellt. Jedenfalls musste ich mich erst einmal in die verschiedenen Bereiche der Basler Wirtschaft und Politik einlesen. Dabei habe ich sehr viel über Stadt und Land gelernt. Namhafte Politikerinnen und Politiker befragen zu können, war bei dieser Geschichte ebenfalls ein Highlight.
Wo hattest du Mühe?
Ich sage nur Nusshof. Es ist mir stellenweise ziemlich schwer gefallen, beim Beitrag über die Gemeinderats-Ersatzwahlen in 19 Dörfern den Überblick zu bewahren und im Fokus zu behalten, was ich den Leserinnen und Lesern eigentlich erzählen will. Dafür kenne ich jetzt einige Gemeinden mehr und konnte meinen Horizont bis in die abgelegensten Oberbaselbieter Täler erweitern.
Womit hättest du nicht gerechnet?
Dass mich die Panoramasicht, die man aus dem Büro im zweiten Stock der Lesegesellschaft geniesst, nach fünf Wochen immer noch beeindruckt. Zum Glück!
Nenne drei Dinge, die du aus diesem Praktikum mitnimmst.
- KEINE Substantivierungen!
- Ein Buch voller Streber-Notizen darüber, wie man gut schreibt und recherchiert. Und welche Floskeln man auf keinen Fall in einem Artikel verwenden darf: rote Köpfe, grünes Licht, den Hut in den Ring werfen – oder war der Ring im Hut? Wie auch immer.
- Die Handynummern von ein, zwei Polit-Grössen.
Aurelio Gaggiotti war der erste Stagiaire unter der neuen OnlineReports-Führung. Das fünfwöchige Praktikum wurde durch den im Frühjahr 2025 gegründeten Verein der Freunde von OnlineReports ermöglicht. Der 21-Jährige hat während dieser Zeit folgende Artikel und Meldungen verfasst (ein Beitrag folgt noch):
- Mal links, mal rechts
- Er soll 120’000 Franken ergaunert haben: 20-Jähriger kommt vors Baselbieter Strafgericht
- Wegen Sanierung: Basler Finanzdepartement zieht an die Viaduktstrasse
- Von A wie Arlesheim bis Z wie Ziefen
- Günstige Einbürgerung für Junge: Zieht Baselland nach?
- Tempo 30: Mitte-Links-Allianz hält Demokratie-Argument für scheinheilig
- Kanton erinnert Anspruchsberechtigte per Post
- Die SRG-Initiative spaltet die Basler Wirtschaft
- Ausländer zur Polizei? Simone Abts Anliegen scheitert knapp
- Mehr Arbeit für Basler Einsatzkräfte
- Telebasel stellt Baseljetzt ab sofort ein – und baut sechs Stellen ab
- «Die Volksabstimmung wäre sicher kein Spaziergang, aber nicht unmöglich zu schaffen»
- Vor Grossbasler Augen verhüllt
- Der Kanton Baselland verschenkt einen Gasspeicher – doch niemand will ihn
- Politik und Bevölkerung versammeln sich vor dem Basler Rathaus
- Räuber verletzt sich selbst – Polizei bringt ihn ins Spital
- Kehrtwende im Baselbiet: Landratskommission will am Status quo festhalten
- Sabine Bucher erhält im letzten Moment Konkurrenz