Härtere Massnahmen gegen irreguläre Migration sind unverzichtbar
Es brauche scharfe Kontrollen, aber auch Kontingente für eine legale Einwanderung, findet der Basler Maghreb-Experte Beat Stauffer.
Junge Männer aus dem Maghreb, die in der Schweiz ein Asylgesuch stellen oder sich illegal im Land aufhalten, verursachen seit Jahren viel Ärger. Ihre Chancen auf Asyl sind äusserst gering.
Dennoch versuchen es viele – in der Hoffnung, dass sich irgendwie eine Möglichkeit ergibt, in der Schweiz oder in einem EU-Staat zu bleiben. Sie lassen sich sehr oft unter falschen Namen und falschen Herkunftsangaben registrieren, legen gegen einen negativen Asylbescheid Rekurs ein oder bleiben als abgelehnte Asylsuchende mit sogenannter Nothilfe im Land. Andere tauchen unter, stellen unter einem anderen Namen oder in einem Nachbarstaat ein weiteres Asylgesuch, oder verschwinden in einer französischen Banlieue.
Viele dieser chancenlosen jungen Männer beginnen schon bald zu delinquieren; einige begehen fast serienmässig Diebstähle oder Einbrüche. In der Schweiz kommt es praktisch jeden Tag zu Delikten von jungen Maghrebinern. Dies verursacht verständlicherweise viel Ärger in der Bevölkerung. Kommt dazu, dass die Behörden solchen Serientätern häufig fast machtlos gegenüberstehen. Die Delikte sind meist zu gering, um die mutmasslichen Täter in Untersuchungshaft zu setzen. Entsprechend müssen diese nach kurzer Zeit wieder freigelassen werden.
Doch auch bei schweren Delikten scheitern Rückführungen nach verbüsster Strafe häufig am Willen des Herkunftslandes, die Betreffenden zurückzunehmen. Dies stösst weitherum auf grosses Unverständnis.
All dies hat negative Folgen für das gesamte Asylwesen und für die Bereitschaft der Menschen, neuen Asylsuchenden und Kriegsflüchtlingen Schutz zu gewähren.
Beat Stauffer gilt als einer der besten Nordafrika-Kenner des deutschen Sprachraums. Er arbeitete zwischen 1990 und 2023 als freischaffender Journalist mit den Schwerpunkten Maghreb, Migration und Islam, unter anderem für Radio SRF und die NZZ. Daneben war er auch als Kursleiter, Referent sowie als Lehrer an Basler Berufs- und Berufsmaturitätsschulen tätig. 2019 erschien sein Buch «Maghreb, Migration und Mittelmeer», Ende 2024 ein weiteres Buch mit dem Titel «Die Sackgasse der irregulären Migration» (beide im Verlag NZZ Libro / Schwabe).
Stauffer hat Jahrgang 1953 und wohnt in Basel. Während 18 Jahren teilte er sich das Büro am Münsterplatz mit OnlineReports-Gründer Peter Knechtli. (red.)
Irreguläre Migranten ins Asylsystem aufzunehmen, ist aber auch aus prinzipiellen Gründen höchst fragwürdig. Wenn die Chance auf Asyl im Durchschnitt unter zwei Prozent liegt, dann macht es einfach keinen Sinn, individuelle und sehr aufwendige Abklärungen über die Fluchtgründe in die Wege zu leiten. Auch betreiben die meisten der irregulären Migranten aus dem Maghreb mit den Behörden ein Katz- und Mausspiel: hinsichtlich ihrer wahren Identität, aber auch in vielen anderen Belangen.
Wenn junge Asylsuchende aus dem Maghreb von Chiasso oder Genf in ein anderes Bundesasylzentrum geschickt werden, dort aber gar nie auftauchen, dann bedeutet dies, dass die Betreffenden letztlich gar kein Asylverfahren wünschen, sondern vor allem einen Gratistransport in Richtung Frankreich oder Deutschland. Dasselbe gilt für junge Männer, die sich in einem Bundesasylzentrum registrieren und für ein paar Tage versorgen lassen, dann aber plötzlich spurlos verschwinden.
Dies mag für die Asylstatistiken positiv sein, weil solche Fälle als «unkontrollierte Ausreisen» registriert werden. Doch letztlich handelt es sich um einen Selbstbetrug, weil niemand weiss, ob die betreffende Person vielleicht weiterhin irgendwo in einer grösseren Stadt – zum Beispiel in Lausanne oder Zürich – als sogenannter «Sans-Papiers» lebt.
Sie sehen in den Sozialen Medien ein schönes Leben in Europa – Bilder mit enormer Sogkraft.
Vor allem aber ist das Ganze ein riesiger Ressourcenverschleiss. Denn die allermeisten Maghrebiner werden nicht legal in der Schweiz (oder in einem anderen EU-Staat) bleiben können. Sie versuchen aber mit allen möglichen Mitteln, ihren Aufenthalt zu erzwingen oder zumindest so lange zu verlängern, bis sich eine legale Möglichkeit für eine Aufenthaltsbewilligung ergibt, etwa durch Heirat. Für die Behörden im Asylbereich, aber auch für Polizei, Justiz und Spitäler ist das Ganze mit einem riesigen Aufwand verbunden, der kaum zu positiven Resultaten führt. Viele Mitarbeitende dieser staatlichen Dienste erleben den Umgang mit Maghrebinern denn auch als frustrierend, ja als Sisyphusarbeit.
Selbstverständlich handelt es sich bei den jungen Marokkanern, Algeriern und Tunesiern nicht um «böse» Menschen, die nach Europa kommen, um hier Mist zu bauen. Es sind zum allergrössten Teil junge, relativ schlecht ausgebildete Männer aus vernachlässigten Regionen oder aus den armen Aussenquartieren der grossen Städte. Nicht wenige von ihnen stammen aus zerrütteten Familien oder haben die Schule bereits mit 13 oder 14 Jahren abgebrochen, eine Minderheit ist schon vor der Ausreise mit dem Gesetz in Konflikt geraten.
Alle diese jungen Harraga – so werden die Emigranten im Maghreb genannt – sehen in ihren eigenen Ländern keine Chancen auf eine korrekt bezahlte Arbeit und auf eine würdige Existenz. Dabei orientieren sie sich an den von Influencern via Soziale Medien verbreiteten Vorspiegelungen eines schönen Lebens in Europa; Bilder mit enormer Sogkraft, die im Maghreb bis ins letzte, armselige Dorf irgendwo im Hinterland von Casablanca, Algier oder Tunis gelangen.
«Abenteurer» und «Desperados» sind sehr viel häufiger als «Glückssucher».
Wer sich ernsthaft um Lösungen in dieser Frage bemüht, muss das Profil der jungen Harraga, aber auch die Dimension des Migrationsdrucks zur Kenntnis nehmen. Selbstverständlich hat es unter den jungen Burschen, die es nach Europa schaffen, auch sehr nette, fast schüchtern wirkende Personen, wie Andrea Strahm in ihrer Kolumne schreibt. Doch insgesamt – gemessen am Durchschnitt der jungen Bevölkerung in diesen Staaten – handelt es sich klar um eine Negativauswahl. «Abenteurer» und «Desperados» sind sehr viel häufiger als «Glückssucher».
Dazu kommt, dass viele auf dem Weg durch Italien oder durch Spanien und Frankreich in einem gewissen Sinn abgehärtet, ja verroht werden. Wenn sie dann nach einigen Wochen oder Monaten in die Schweiz gelangen, haben sie unterwegs meist Erfahrungen mit Kleinkriminalität, Drogen und Medikamentenmissbrauch gemacht.
Falls es sich nur um ein kleines Land wie Eritrea handeln würde, aus dem die Jugend im grossen Massstab flieht, dann wäre dies vielleicht noch verkraftbar. Doch allein die drei erwähnten Staaten weisen bereits eine Bevölkerung von knapp 100 Millionen Menschen auf, und Ägypten zählt fast 120 Millionen.
Laut seriösen Umfragen – etwa von «The Arab Barometer» – haben die erwähnten Staaten alle einen hohen bis sehr hohen Migrationsdruck. Konkret bedeutet dies, dass zwischen 30 und 60 Prozent der jungen Menschen zwischen 18 und 30 Jahren emigrieren wollen. Es handelt sich somit, konservativ geschätzt, um mehrere Millionen junger Menschen, die in ihrem Land keine Hoffnung mehr sehen und sofort nach Europa emigrieren würden, wenn sie es könnten.
Ohne eine engere Zusammenarbeit mit den Maghreb-Staaten sowie anderen Herkunftsländern wird es kaum möglich sein, das Problem zu lösen.
Allein schon diese Zahlen verdeutlichen, dass dringlicher Handlungsbedarf besteht. Auch die EU hat dies erkannt; im Juni 2026 sollen im Rahmen der Asylreform (GEAS) an den EU-Aussengrenzen Zentren errichtet werden, in denen die Gesuche von jungen Männern aus Ländern mit sehr geringen Asylchancen bearbeitet werden sollen. Ob die EU aber tatsächlich willens und in der Lage ist, dieses neue «Asylregime» an der Grenze umzusetzen und auch Mehrfach-Asylgesuche zu verhindern, wird sich erst noch zeigen.
So oder so sind härtere Massnahmen gegen irreguläre Migration unverzichtbar. Einige sind in der Schweiz bereits umgesetzt worden – etwa neue Schnellverfahren und die Auswertung von Handydaten der Asylsuchenden, wenn sie sich nicht identifizieren lassen wollen. Weitere Verschärfungen sind zudem im Rahmen der «Asylstrategie 2027» geplant.
Ohne eine engere Zusammenarbeit mit den Maghreb-Staaten sowie anderen Herkunftsländern von irregulären Migranten hinsichtlich der Rücknahme von abgelehnten Asylsuchenden und verurteilten Straftätern wird es aber kaum möglich sein, das Problem wirklich zu lösen. Der erfolgversprechendste Weg besteht darin, diesen Staaten faire und grosszügige Migrationspartnerschaften anzubieten. Ein zentrales Element davon sind Kontingente für Arbeitsvisa. Doch auch Technologietransfer, private Investitionen grosser Unternehmen und eine substanzielle Unterstützung bei der Reform des Bildungswesens – vor allem der Berufsbildung – müssten dazugehören.
Es ist an dieser Stelle nicht möglich, die Umrisse einer neuen Migrationspolitik mit den Maghreb-Staaten ausführlich zu skizzieren. Entscheidend ist: Mit diesen Staaten, unseren Nachbarn südlich des Mittelmeers, haben solche Migrationspartnerschaften durchaus eine Chance. Voraussetzung dafür ist, dass die Verhandlungen auf Augenhöhe stattfinden und die Bedürfnisse dieser Staaten berücksichtigen. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit im Maghreb und des Fachkräftemangels in Europa müssten junge, arbeitswillige Menschen in diesen Ländern zielgerichtet rekrutiert, aber auch ausgebildet werden. So könnte längerfristig gar eine Win-win-Situation entstehen: für Europa wie auch für die Maghreb-Staaten.
Dies tönt im Moment noch utopisch. Doch mittelfristig liesse sich eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen den Staaten Nordafrikas und Europa erreichen, nicht zuletzt auch im Bereich der nachhaltig produzierten Energie. Voraussetzung dafür ist die Kontrolle und starke Eindämmung der irregulären Migration, die zurzeit so viel Unmut verursacht.
Dieser Beitrag wurde ermöglicht dank des OnlineReports-Recherchierfonds.
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