Das Theater Basel wächst über sich hinaus
Gesellschaftskritik als Multimedia-Show: Spektakulärer Saisonstart mit der Oper von Bertolt Brecht und Kurt Weill.
Mit Sätzen, die wie Hammerschläge auf unser Trommelfell einwirken, geht das Theater Basel in seine neue Saison: «Erstens kommt das Fressen, zweitens kommt der Liebesakt …», oder: «Denn wie man sich bettet, so liegt man». Aber auch mit süffig-sinnlichen Melodien, die man nachpfeifen möchte: «Oh, moon of Alabama …» Sie stammen aus der Oper «Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny» von Bertolt Brecht und Kurt Weill, uraufgeführt 1930 in Leipzig und seither oft nachgespielt, jetzt einmal mehr auch am Theater Basel.
Das Stück ist eine Parabel auf die Verdinglichung der Beziehungen und die Entfremdung unter den Menschen. Früher fügte man fast automatisch hinzu: «im Kapitalismus». Bis sich allmählich die Überzeugung durchsetzte, dass die Antikapitalisten keinen Deut besser sind und dass es sich bei der allgemein verbreiteten hemmungslosen Gier wohl um eine Konstante des Homo sapiens handeln dürfte. Moral war immer schon eine Frage der Auslegung.
In der von zwielichtigen Figuren gegründeten Stadt Mahagonny ist alles erlaubt, was Spass macht, nur eines nicht: kein Geld zu haben. Das Stück endet mit der Hinrichtung des vom Holzfäller zum Lebemann gewordenen Jim Mahoney. Der kann die vielen Whiskys, die er und seine Kumpanen getrunken haben, nicht bezahlen und findet auch keinen, der ihm aus der Patsche hilft, nicht einmal seine Geliebte Jenny. Denn Liebe gibt es hier nicht, nur Sex gegen Bezahlung.
Lieber klotzen statt kleckern
«Mahagonny» ist ein zweistündiges Werk, das alle Kräfte eines Theaters fordert und auch als grosse Choroper durchgeht, womit nebenbei eine konventionelle Erwartung an den Theaterbetrieb erfüllt wird. Man möchte ja zum Auftakt einer Theatersaison lieber klotzen als kleckern. Zumal das Theater Basel ein rundes Jubiläum feiert. Am 6. August 1975, vor fünfzig Jahren also, wurde das alte Stadttheater gesprengt. Es war baulich marode und entsprach nicht den Erfordernissen eines modernen Theaters. Von vielen Plätzen aus war die Bühne gar nicht zu sehen.
Das heutige Theater entspricht mit seiner nüchternen Beton-Architektur und der arenaartigen Bestuhlung dem aktuellen Standard eines Kulturgebäudes. Es wurde 1975 mit der spektakulären, international beachteten Inszenierung der «Letzten Tage der Menschheit» von Karl Kraus unter der Regie von Hans Hollmann eröffnet. Einen vergleichbaren Exploit strebte der derzeitige Intendant Benedikt von Peter nun zur Saisoneröffnung 2025/26 an, und es ist ihm bei allem Respekt vor der Grosstat von 1975 auch gelungen.
Es erinnert ein wenig an einen Gottesdienst, nur dass dort seltener vom Boxen, Saufen und vom Liebesakt die Rede sein dürfte.
Denn ähnlich wie die Eröffnungsproduktion vor fünfzig Jahren wird das Haus über die Bühne hinaus bespielt. Das Publikum wird zum Mitakteur einer Szenenfolge, die von der Solo-Arie bis zum grossen Chortableau reicht. Die Grenzen zwischen Innen und Aussen, zwischen Zuschauerraum und Bühne verschwimmen, es gibt sogar die Möglichkeit zum Mitsingen nach Notenblättern. Das erinnert ein wenig an einen Gottesdienst, nur dass dort seltener vom Boxen, Saufen und vom Liebesakt die Rede sein dürfte. Übrigens beherrschte Kurt Weill die Gesetze der Vokalpolyphonie perfekt.
Der Abend beginnt im Foyer und illustriert schlagartig, wie sich Egoismus anfühlt. Denn im Foyer gibt es weit weniger Sitzplätze als Theaterbesucher, und zwangsläufig setzt sich das Recht des Stärkeren durch. Pech, wer stehen bleiben muss! Über scheppernde Lautsprecher ertönen die kurze Ouvertüre und die ersten Verhandlungen, die zur Gründung der «Netzestadt» Mahagonny führen. Einige fantasievoll maskierte Gestalten, darunter eine anmutig tänzelnde Discokugel, bahnen sich einen Weg durch die Masse der Theaterbesucher. Einige von ihnen ziehen Perücken oder Umhänge über, die ihnen von beflissenen Theatergeistern angeboten (oder aufgenötigt) werden. Wir alle müssen Darsteller sein, da gibt es kein Entrinnen!
Nach einer halben Stunde strömt man in den Saal, wo das Sinfonieorchester Basel auf der Bühne spielt. Bald einen lasziven Foxtrott, bald einen frommen Choral, immer aber beherzt und akkurat. Davor die Protagonisten der Oper, die auf grossen Leinwänden in Echtzeit gefilmt erscheinen – erst in Farbe, dann nach einer längeren Phase in Schwarz-Weiss wie im Stummfilm aus der Entstehungszeit der Oper. Wir Theaterbesucher hocken oder liegen auf Matratzen und erleben die geschäftstüchtige Puffmutter Begbick, die reizende Jenny mit ihren leichten Mädchen sowie die erlebnis- und auch sonst durstigen Holzfäller, unter ihnen Jim Mahoney, der noch an der Utopie festhält, Gerechtigkeit und wahre Liebe seien möglich. Dass er sich darin gründlich täuscht, lässt sich schon früh erahnen, und sein Ende kommt nach einem durchsichtigen Schauprozess unweigerlich.
Rolf Romei singt diesen moralischen Helden wider Willen mit wandlungsfähigem, zwischen Lyrismus und Heldencharakter pendelndem Tenor. Eine Parforceleistung sondergleichen. Ronan Caillet singt betörend den Vielfrass Fatty, und Andrew Murphy kann seinen durchdringenden Bariton nicht erst bei der Gerichtsszene ausspielen. Jasmin Jorias Etezadzadeh ist eine vergleichsweise junge Witwe Begbick, die es aber nicht an giftiger Mezzosopran-Intensität fehlen lässt. Als Jenny ist Solenn' Lavanant Linke mit ihrem leuchtenden Sopran zu erleben – eine erfreuliche Rückkehr ans Theater Basel.
Da es sich um eine Koproduktion mit der Deutschen Oper Berlin (Intendant: Dietmar Schwarz, der frühere Basler Opernchef) handelt, können «Mahagonny»-Aficionados die Inszenierung mit demselben Dirigenten Stefan Klingele, aber unterschiedlichem Sänger- und Musikerpersonal zwei Mal sehen und Vergleiche ziehen. Benedikt von Peters Raumtheater-Konzept geht erstaunlich gut auf, die zwei Spielstunden vergehen fast wie im Fluge, auch wenn man ganz am Ende zum bewährten System zurückkehrt: Den heftigen Schlussapplaus nehmen die stark geforderten Darsteller mitsamt dem Regieteam dann doch wie eh und je auf der guten alten Bühne und nicht im Foyer, auf dem Vorplatz, in den Garderoben oder sonstwo entgegen.
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