Wechsel an der SP-Spitze

Tania Cucè – eine gewissenhafte Schafferin

Die designierte Präsidentin der Baselbieter SP gilt als sachbezogen und unaufgeregt. Reicht das, um die Partei durch das Superwahljahr 2027 zu führen? Das Porträt.

Porträt von Tania Cucè, designierte Präsidentin der SP Baselland, aufgenommen im Februar im Café Herzlich in Liestal
«Auch ich vertrete klare Meinungen»: Tania Cucè. (© Foto: Aurelio Gaggiotti)

Bei den Baselbieter Sozialdemokraten ist sie die Frau der Stunde: Tania Cucè. Die Juristin wird aller Voraussicht nach die neue Präsidentin der Partei und folgt damit am 21. März auf Nils Jocher. Die 36-Jährige gilt als eher unaufgeregt und sachbezogen. Sie fällt kaum durch Provokationen oder Zuspitzungen auf.

Im Unterschied zu Ronja Jansen. Die Landrätin und ehemalige Chefin der Schweizer Juso wurde immer wieder als mögliche Nachfolgerin von Nils Jocher genannt – gerade auch wegen ihrer starken Meinungen, die sie im Parlament oft kämpferisch vertritt. Die 30-Jährige hat aber aus beruflichen Gründen auf eine Kandidatur verzichtet. 

Nun ist Cucè die einzige Bewerberin für den Chefposten. Und Cucè betont: «Auch ich vertrete klare Meinungen.»

Die amtierende Vizepräsidentin der SP sitzt an diesem Februarmorgen bei einem Cappuccino in einem Café in der Liestaler Altstadt. Sie sucht nach den passenden Worten, um sich selbst zu beschreiben. «Sachbezogen», «themenfokussiert» und «fair» sind die Attribute, die ihr schliesslich einfallen. «Ob ich mich selbst als ruhig bezeichnen würde? Hmm ... Wahrscheinlich schon», sagt Cucè – ruhig. Eine gewisse Besonnenheit könne für das Amt der Parteipräsidentin von Vorteil sein: «Ich möchte eine Vermittlerin für die Parteimitglieder sein und ein offenes Ohr für alle Anliegen haben.»

Durch ihre Familiengeschichte geprägt

Cucè kann bei wichtigen Anliegen aber auch einmal ungeduldig werden und auf Lösungen pochen. Ausserdem gibt es für sie in politischen Debatten «rote Linien».

Wenn Migrantinnen und Migranten schlecht behandelt werden, ist das für Cucè ganz klar eine rote Linie – die sich wie ein roter Faden durch ihre Familiengeschichte zieht. Ihre Eltern stammen aus Süditalien; die Mutter wuchs in der Schweiz auf, der Vater kam als Einwanderer ins Land. Auch ihre Familie habe die Diskriminierungen gegen italienische Saisonniers in den 1950er- bis 1970er-Jahre zu spüren bekommen.

Cucè selbst ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen, wurde aber durch die italienische Kultur und die Erfahrungen ihrer Eltern geprägt. Auch deswegen dürfte die Masseneinwanderungsinitiative im Jahr 2014 eine besonders starke Reaktion in ihr ausgelöst haben: «Ich fand es schlimm, wie die SVP damals mit Menschen umgegangen ist, die ja auch zum Schweizer Wohlstand beitragen.» Danach wollte sie nicht mehr nur «zu Hause sitzen und wütend sein», sondern selbst etwas tun. Und trat der SP bei.

Am Gymnasium in Liestal nahm Cucè erstmals an politischen Diskussionen teil. Nach der Matura studierte sie Jura, zunächst an der Universität Basel und später im trinationalen Studiengang zu europäischem Recht auch in Freiburg und Strassburg. Heute arbeitet sie als Teamleiterin in der Eidgenössischen Steuerverwaltung und ist noch bis Mai 2026 Co-Präsidentin des Verbands des Personals öffentlicher Dienste Region Basel (VPOD).

Pflichtbewusst oder «ganz nett»?

Neben Job und Präsidium bleibt nicht viel Zeit für anderes. Das ist oft ein Grund, weshalb sich nur wenige Politikerinnen und Politiker um den Job in einer Parteileitung reissen. Für Cucè stand dagegen schon früh fest, dass sie den Posten von Nils Jocher übernehmen will. Er habe sie in die Aufgaben eingeführt, jetzt sei sie daran, Verantwortung zu übernehmen, sagt sie und bestätigt das Bild einer stillen, pflichtbewussten Schafferin, das auch ihre politischen Gegner von ihr zeichnen.

Tania Cuce, Markus Braune, VPOD
Markus Braune und Tania Cucè geben im Mai 2026 das Co-Präsidium des VPOD Region Basel ab. (Foto: ZVG)

SVP-Landrat Dominique Erhart sass knapp vier Jahre lang mit der Sozialdemokratin in der Justiz- und Sicherheitskommission. Inzwischen präsidiert er diese. «In der gemeinsamen Zusammenarbeit habe ich sie als sehr sachbezogen und konstruktiv erlebt», sagt er.

Ist «sachbezogen» das neue «eigentlich ganz nett»? Und würde man grosse politische Führungspersönlichkeiten in erster Linie als sachbezogen bezeichnen?

Nie bei den Juso

Erhart erwartet jedenfalls mit seiner früheren Kommissionskollegin keine spürbaren Veränderungen bei den Sozialdemokraten. «Cucè vertritt dezidiert SP-Positionen. Mit ihr als Präsidentin befürchte ich aber keinen gravierenden Linksrutsch der Partei.»

Die zukünftige SP-Chefin ist bestimmt keine Hardlinerin. Anders als Noch-Präsident Nils Jocher, Fraktionschef Adil Koller, Nationalrätin Samira Marti oder Ronja Jansen war Cucè nie bei den Juso. Das sei aber kein Entscheid gegen die inhaltlichen Positionen der Jungpartei gewesen: «Ich bin mit rund 24 Jahren der SP beigetreten; für die Juso fühlte ich mich fast schon zu alt.»

Mit der Ablehnung der politischen Gegenseite ist es Cucè aber ernst, das spürt man auch im Gespräch. «Die SVP ist schon weniger kompromissfähig als andere Parteien.» Die Sozialdemokratin tut sich schwer mit dem «rechten Sprech» der SVP und dem allgemeinen «rechten Erstarken», das sie weltweit beobachtet. Gleichzeitig ist sie optimistisch, dass viele Menschen ihre Meinung dazu teilen und ebenfalls «genug davon haben».

Will SVP überholen

Es ist denn auch Cucès erklärtes Ziel, die SVP bei den kantonalen Wahlen von 2027 als stärkste Kraft im Baselbiet zu überholen. Wobei sie betont, dass es in erster Linie darum gehe, grösste Partei im Kanton zu werden. Die SVP zu überholen, sei kein Selbstzweck.

Ob sich Cucè zutraut, die SP mit diesen ambitionierten Zielen im kommenden Wahlkampf anzuführen? «Auf jeden Fall! Ich habe eine tolle Partei im Rücken. Ausserdem habe ich als Kandidatin für den Landrat ja auch schon konkrete Wahlkampferfahrung.»

Ihr Vize-Präsidium hat dagegen wenig Erfahrung. Lars Trachsler und Simone Fluri sind eher unbekannt. Immerhin ist Fluri soeben für den Allschwiler Andreas Bammatter in den Landrat nachgerückt.

Cucè selbst gehört seit 2023 nicht mehr dem Kantonsparlament an. Sie ist aber nicht der Meinung, dass sie deswegen zu weit weg vom politischen Tagesgeschehen sei: «Mit Simone Fluri ist das Präsidium direkt im Landrat vertreten, ausserdem werde ich mich gut mit Fraktionspräsident Adil Koller absprechen.» Sie selbst möchte bei den kantonalen Wahlen auch gerne wieder kandidieren.

Ohne Eric Nussbaumer

Für die nationalen Wahlen im Herbst 2027 hat die in Liestal wohnhafte Lausnerin ebenfalls grosse Pläne. Die Erwartungen an sie und die Partei sind hoch.

Mit dem Rücktritt von SP-Nationalrat Eric Nussbaumer Ende April verliert die Baselbieter Linke eines ihrer bekanntesten Gesichter in Bundesbern. Der Politpromi prägt die Partei seit vielen Jahren – zunächst als Landrat, und Parteipräsident, später als Nationalrat und zuletzt als Nationalratspräsident und engagierter Europapolitiker. Als Nussbaumers Nachfolgerin steht die Landrätin und frühere Parteichefin Miriam Locher bereit. Sie ist zwar kantonsweit bekannt und zudem eine erfahrene Wahlkämpferin, dürfte aber dennoch nicht die gleiche Zugkraft haben wie Nussbaumer.

Sollte zudem Ständerätin Maya Graf von den Grünen nicht mehr antreten, würde sich im linken Lager ein weiteres Machtvakuum öffnen. In diesem Fall wäre es an Cucè, den Deal, den SP und GLP bei der Ersatzwahl für die frühere freisinnige Regierungsrätin Monica Gschwind im Herbst 2025 eingegangen sind, weiterzuführen. Die SP – und offiziell auch die Grünen – haben die grünliberale Regierungskandidatin Sabine Bucher portiert. Im Gegenzug muss die GLP nun die designierte Ständeratskandidatin Samira Marti unterstützen. 

Die sachbezogene Schafferin Cucè muss für die kommenden Jahre also beweisen, dass in ihr auch eine geschickt agierende Strategin steckt.

Als sie ihren Cappuccino in der Liestaler Altstadt fertig trinkt, ist keine Aufbruchstimmung zu spüren. Cucè verzichtet auf Pathos, macht keine grossen Gesten. Sie strahlt Ruhe aus. In bewegten Zeiten ist das keine schlechte Eigenschaft.

*Aurelio Gaggiotti hat diesen Beitrag im Rahmen seines fünfwöchigen Praktikums bei OnlineReports umgesetzt.

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